„Volle Fahrt vorraus!“ #8

Die erste eigene Tour

Von Beginn an hatte ich eine WhatsApp-Gruppe eröffnet mit meinen engsten Freunden. In dieser wollte ich zu Touren einladen und kommende Arbeitseinsätze ankündigen.

Die Resonanz über den Bootskauf war enorm. Alle meinten sie würden bei jeder Möglichkeit helfen und natürlich gerne mal mit fahren. Ich kann euch sagen, sowas lässt sich leicht sagen. Was sagen und was tun sind dabei oftmals ganz verschiedene paar Schuhe. Ich halte es mittlerweile so:“ Wer hilft, fährt mit!“ Mir ist schon klar, dass es größtenteils meine Baustelle ist und ich nicht unbegrenzt auf die Hilfe meiner Freunde hätte zählen können, aber schnell war klar wer wirklich Lust drauf hat und bereit war  zu helfen.

Mit zweien meiner fleißigsten Helfer, plante ich dann auch die erste Tour. Komplettes Neuland. Alleine dieses riesen Boot steuern. Flori und Sandro sollten sich um die Fender und Leinen kümmern und aufpassen, dass ich nirgends gegen rausche. Ich sagte mir bei dem Ablegemanöver: „Immer schön ruhig. Keine Hektik. Lass dir Zeit.“ Und so klappte das wunderbar. Schon waren wir raus aus der Box und setzten unseren Kurs Richtung Müggelsee. Wir fuhren durch Klein-Venedig und bekamen das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht. Prompt war die Hängematte gespannt und wir genossen das Wetter. Geplant war ein Wochenende an der Rummelsburger Bucht. Dort wo ich fast ein Boot gekauft hätte.

Zunächst wollten wir jedoch einen Altarm der Spree erkunden. Dort sollte auch eine Tankstelle sein. Davor wollte ich noch das Beiboot in Betrieb nehmen. In Köpenick gab es einen öffentlichen Steg zu dem wir fahren wollten. Auf einmal waren wir da. Der Steg kam immer näher und mir wurde bewusst – Du musst da jetzt anlegen. Nervosität machte sich breit und ich handelte wie in Trance. Ohne klare Kommandos fuhr ich auf den Steg zu und dachte, dass das irgendwie schon funktionieren müsste. In einem viel zu steilen Winkel fuhr  ich den Steg an. Zum Glück sehr langsam, sonst hätten es Sandro, Flori und ein freundlicher Helfer auf dem Steg nicht geschafft, das Boot umzulenken. Mit leicht zitternden Beinen vertäuten wir das Boot, bedankten uns bei dem Helfer und setzten unseren Plan, das Beiboot zu Wasser zu lassen um. Der Außenborder wurde montiert und die erste Spritztour stand an.

Kurze Zeit später legten wir wieder ab. Flori überprüfte den Dieselfüllstand – 300 Liter. Noch immer etwas geschockt vom Anlegemanöver und generell etwas überfordert von der ganzen Situation, geriet ich in Panik. 300 Liter? Als wir losfuhren waren das über 700 Liter. Nichtwissend, dass Flori versehentlich den Wasserfüllstand überprüfte und nicht den des Diesels, setzte ich sofort Kurs Tankstelle. Wie beschrieben ist das wirklich nur ein Kanal. Nicht besonders breit und an den Ufern sehr flach. Dazu noch jede Menge anderer Boote, auch Kanus, die man der schlechten Sicht geschuldet fast übersah. Stress für mich. Und dann wieder ein Anlegemanöver – an einer Tankstelle. Durchatmen. Ich hätte mir für das Anlegemanöver eine 3 gegeben. Wieder musste Sandro eingreifen. Noch dazu war ich viel zu schnell und zu zaghaft beim aufstoppen. Jedoch lagen wir fest und konnten uns beruhigen. Da noch immer die Öffnung des Wassertanks offen stand, tankten wir unbehelligt Diesel hinein.

Weiter geht’s. Alle auf die Posten. Motor starten. „Klick“. Kurz warten. „Klick“ – der Motor will nicht starten. Das kann nicht wahr sein. Nicht schon wieder. Und das ausgerechnet an der Tankstelle mit mittlerweile mehreren Booten in der Warteschlange, da wir mit den 15 Metern die ganze Tankstelle blockierten. Ein einzelnes Boot kam längsseits und fragte was los ist. Sandro und ich waren schon seit einigen Minuten im Motorraum und versuchten das Schwungrad des Motors zu drehen. Wir vermuteten, dass der Anlasser an einem Art Totpunkt stehen geblieben ist und es nicht schafft von den Motor zu drehen. Im Motorraum hatte es circa 50 Grad Celsius. Der Schweiß lief nur so. Doch wir schafften es irgendwie den Motor wieder zum laufen zu bringen. Ablegen. Erneutes Durchatmen.

Die Dahme wurde zur Spree. Der Verkehr nahm zu und man erkannte die ersten Orte wieder. Wie anders doch alles vom Wasser aus aussieht. Und wie viel Wasser überhaupt in und um Berlin fließt. Vorher ist mir das nie aufgefallen.

„Da! Das Riesenrad des Plänterwalds. Wir sind bald da.“ In diesem Moment nahm ich das Warnschild vor Flugzeugen wahr. „Flugzeuge?“, fragte ich mich in dem Moment als um die Ecke tatsächlich ein rotes Wasserflugzeug zum Start ansetzte. Keine 50 Meter weg von uns erhob sich das Flugzeug in den Himmel. Mit offenen Mündern standen wir da und schauten dem Flugzeug hinterher.

Keine 10 Minuten später erreichten wir die Rummelsburger Bucht. Wir legten ein 1A Anlegemanöver hin und klatschten mit breiter Brust ab. Ziel erreicht. Alle Finger dran. Sonnenuntergang. Wir schmissen den Grill an und setzten uns auf die Dachterrasse und speisten fürstlich.

Wir waren platt. Und nach ein paar Bieren waren wir bereit in die Kojen zu hüpfen. Zähneputzen, Duschen – wie zuhause. Doch Flori beklagte sich über die Wasserqualität. Das Zähneputzen brachte einen Dieselgeschmack mit sich. Sandro verspürte ein Jucken nach der Dusche. Ich brauchte keine 3 Sekunden und wusste was passiert ist. Der nächste Schock an diesem Tag. Wir haben Diesel im Wassertank. Ein klassischer Anfängerfehler.

Am nächsten Morgen legten wir wieder ab und fuhren dieselbe Strecke zurück. Am Ende der Fahrt stand wieder das Anlegemanöver an. Wir hatten etwas Pech mit dem Wetter. Es herrschte relativ starker Wind von der Seite. Ähnlich stark wie an dem Tag als L. die Probefahrt auf Grund des Windes absagte. Nun ja, da müssen wir jetzt durch, dachte ich mir.

Bei der ersten Anfahrt fühlte ich mich nicht wohl und gab das Kommando nochmal zurückzusetzen und von vorne zu beginnen.

Nach Einlegen des Rückwärtsganges sah ich nach hinten und bemerkte das Beiboot, welches wir an einem Tau hinter dem Gesellen herzogen, und das nun sehr schnell immer näher kam.

Instinktiv kuppelte ich aus. Was ist passiert? Das Tau hatte sich im Propeller oder der Welle verfangen und hat sich aufgewickelt. Gerade noch rechtzeitig reagierte ich – doch nun waren wir manövrierunfähig. Und das kurz vor dem Steg. Nahe dem Ufer. „Sofort den Anker runter!“, brüllte ich. Das klappte schon mal. Wir lagen, zur Verwunderung der Stegnachbarn, fünf Meter vor dem Ufer und 20 Meter vor dem Steg. Anschließend sprang Sandro, bewaffnet mit einem Messer und einer Tauchermaske, in das Wasser und versuchte das verhedderte Tau loszuschneiden. Erfolg.

Nach Bergung des Beibootes und Lichten des Ankers fuhren wir ohne Problem in den Liegeplatz und machten fest.

Was für eine erste Fahrt. Was für ein Stress. Was für ein Erlebnis. Wir haben alle sehr viel gelernt und freuten uns auf das nächste Mal.

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